Reisetipps für Masochisten

Wer kennt das nicht…?

Genau, jeder.
Deshalb erübrigt sich auch die rhetorische Frage.

Samstag. Nachmittag. Irgendeine Regionalbahn auf dem Weg von A nach B.

Man fährt nach Hause.
Es ist ziemlich schwül.
Das Gepäck ist schwerer als auf der Hinfahrt.
Und man muss zwei Stunden nach der Ankunft auf der Arbeit erscheinen, wie es halt beim Fernsehen so üblich ist.

Da die Fahrt gute drei Stunden dauert hat man natürlich vorgesorgt und ein gutes, dickes Buch mitgenommen. Man hat das Buch zwar schon mehrmals gelesen, aber dadurch wird es ja nicht schlechter.
Es ist eher wie mit Bier – je älter, desto…oder war das Whiskey? Egal, hauptsache Alkohol.

Genau das riecht man nämlich als erstes wenn man die Bahn betritt.
Passenderweise wird man natürlich von einer Horde männlicher…äh…Alkoholliebhaber mit den Worten “HEYOAOOBÄÄHWÜRG” empfangen.

Hat man sich also durch die Gruppe durchgekämpft, indem man entweder von den Sachen kostet die sie einem unter die Nase halten oder alles ignorierend und wie in Trance vorbeischwebt, beginnt die Platzsuche.
Während man sich im Hinterkopf noch fragt ob diese Horde mit dem Trinken erst angefangen hat als sie den Zug betreten hat und zu dem Schluss kommt dass das wohl eher unrealistisch ist, da dies erst die zweite Haltestelle des Zuges ist, dann aber die Menge der beim Einstieg gesehenen leeren Flaschen und deren Alkoholgehalt im Kopf überschlägt und zu der Überzeugung gelangt dass der erste Gedanke vielleicht doch nicht so unrealistisch war, muss man feststellen dass der Zug auch etwas voller als auf der Hinfahrt ist.

Ein Platz ist freilich schnell gefunden. Und nach wenigen Sekunden Fahrt weiß man auch warum. Dann fängt nämlich die Schlagerhitparade an – mit freundlicher Unterstützung von Jägermeister & Co.

“Naja, Alkohol macht ja bekanntlich müde. Vielleicht hört ja das “Gesinge” bald auf.”, hofft man.

Und wird eines besseren belehrt.

Während man versucht sich in sein Buch zu vertiefen wird der Zug immer voller. Irgendwann kommt auch jemand der sich neben dich setzen möchte. Bloß da steht ja der eigene, randvolle Koffer. Und blöderweise passt der nicht, genau wie der Rucksack, in die Gepäckablage über den Sitzen, die ja anscheinend nur für Frauenhandtaschen konzipiert sind, was ja eh Unsinn ist, da Frauen ihre Handtaschen niemals weglegen würden…

Irgendwann kommt dann aber auch eine wunderschöne Frau und fragt dich wieder die gleiche Frage. Und dieses Mal machst du dir die Mühe und verstaust den Koffer irgendwie unter den Sitz. Dann hat man zwar absolut keine Beinfreiheit und versteht in etwa warum Eier aus Freilandhaltung besser schmecken, aber da ist ja die wunderschöne Frau neben dir die dich alles vergessen lässt.

Dummerweise setzt sich dann aber ihr Opa neben dich, während sie selber zwei Sitzreihen weiter neben ihrem Mann Platz nimmt.

Also vertieft man sich noch weiter in sein Buch, während man versucht den Lärm der designierten Alkoholleichen und die Kommentare deines neuen Sitznachbarns über die viel bessere Vergangenheit zu ignorieren.

Und in der Mitte der Strecke A-B steigt natürlich eine weitere Junggesellenabschiedsreisegruppe hinzu, diesmal jedoch komplett aus Frauen bestehend, hinzu und stößt unweigerlich auf die erste Gruppe.
Überflüssigerweise kommt noch ein Mobiles Catering der Deutschen Bahn vorbei und versorgt die erweiterte Gruppe mit alkoholischem Nachschub.

Was folgt ist klar: Ein Schlagercontest – gesponsert von Vodka-Redbull & Co.

Irgendwann kommt der Schaffner vorbei und erwähnt beiläufig dass im Zug etwa 12 dieser Junggesellenabschiedsreisegruppen sind.

Und da empfindet man ehrliche Dankbarkeit dass all diese Gruppen sich noch nicht vereinigt haben und dass man an der nächsten Haltestelle umsteigen muss.
Wie aber zu erwarten steigt auch die Hälfte der Gruppen an dieser Haltestelle um – und steigt natürlich in den selben Zug, sogar wieder in das selbe Abteil, wie man selber ein…

Und wenn man nach drei Stunden Fahrt endlich am Ziel ankommt weiß man in etwa was dich nach dem Leben in der Hölle erwartet.

Wer auf diese Nahtod-Erfahrung verzichten möchte, sollte folgende Utensilien für seine nächste lange Bahnfahrt mitnehmen:

- gute Kopfhörer (also die, die auch das Bodenpersonal an Flughäfen verwendet)

- Schlaftabletten (entweder für sich selber oder um es in die Drinks der Noch-Junggesellen zu mischen)

optional:

- einen sehr lauten Ghettoblaster (falls man keine guten Kopfhörer findet)
–> hier besteht jedoch die Gefahr dass ihr unfreiwillig einen Lautstärke-Contest provoziert, den ihr garantiert verliert.

- reines Ethanol
–> das könnt ihr freundlich an die Noch-Junggesellen abgeben und hoffen dass es schnell seine giftige Wirkung entfaltet. Es ist jedoch zu befürchten dass das Ethanol sich entschließt mit dem restlichen Alkoholgemisch auch eine Party zu feiern und die giftige Wirkung somit nicht auftritt.

- diverses Mordwerkzeug
–> hilft nicht viel, macht aber höllisch Spaß.

Weicheier bleiben natürlich ganz zu Hause oder entschließen sich mit dem Flugzeug zu reisen.

So…noch was vergessen?

Bahnhof

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